"Das müsste reichen", bemerkte Kane, nachdem Rei und er einen Lederbeutel voll mit Kräutern eingesammelt hatten. Der Rothaarige klopfte sich zufrieden die dreckigen Knie und Hände ab. Als er wieder aufsah, stand hinter Rei ein Puma, die Augen des sich heranpirschenden Raubtieres leuchteten bedrohlich. "Rei, lauf!", schrie Kane und packte den Jungen am Handgelenk, sprintete sofort los, ohne sich viel darum zu kümmern, dass der arme verwirrte Kerl stolperte und fast hinfiel. Er zerrte Rei mit Gewalt fort und der fiel auch schon bald in einen Laufschritt, auch wenn er keine Ahnung hatte, warum sie es plötzlich so eilig hatten. "Was ist los?", verlangte er mit Recht zu wissen und Kane zeigte mit der linken, die seine freie Hand war, über seine Schulter hinweg auf die Gefahr. "DAS ist los!"
Er ließ Rei erst los, als er überzeugt davon war, dass er nun seine Gründe verstand und nicht stehenbleiben würde, musste es sogar tun, um mit Anlauf über einen größeren Spalt auf ihrem Felsweg zu springen. Sein Herz schien einen Schlag auszusetzen, als er beidbeinig auf der anderen Seite landete und ein bröselndes Geräusch das Ableben einiger Steinchen unter seinen Füßen ankündigte. Er trat ein wenig nach vor und drehte sich um zu Rei, der ein wenig zögerte. Ein Blick nach hinten - mit bahnbrechender Geschwindigkeit laufende Pumas waren in der Tat motivierend - überzeugte ihn jedoch, dass er keine Wahl hatte und er sprang... aus dem Stand. Kane ahnte zu Recht, dass dies nicht gut gehen würde, denn Rei erreichte das andere Ende nicht - wäre da nicht Kanes Arm gewesen, den er ihn mit einer schnellen Reaktion gerade noch rechtzeitig ausstreckte, um den anderen am Unterarm zu packen, während er sich mit einem Hechtsprung nach vorne schmiss. "Shit", fluchte er, keinen Ausweg sehend - wie denn auch, wenn er den Augen des Pumas entgegensah? Das Tier war nur noch wenige Meter entfernt und gleich würde ihn nur noch ein Sprung von seiner Beute trennen. Kane würde Rei nicht rechtzeitig hochziehen können und in seiner liegenden Position war er dem Raubtier praktisch ausgeliefert. Spätestens wenn der Puma auf ihn sprang, um ihn den tödlichen Biss in den Hals zu verpassen, müsste er Rei loslassen und dieser schien das zu merken. Er sah zuerst kurz nach unten, dann hinauf zu Matt, Zweifel in den Augen.
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"Matt, hier drüben!" Eine fröhliche Amylia winkte Matt zu dem richtigen Tisch in dem kleinen vollen Lokal. Sie hatte sich inzwischen ein gelbes Sommerkleid und Sandalen in derselben Farbe angezogen, die Korkenlocken zu zwei Zöpfen gebunden. Sie sah schlichtweg hinreißend aus und Matt grinste breit, als er sich seinem Ziel näherte. "Du bist total zu spät", kommentierte Zoé trocken. Sie saß gelangweilt auf einem Stuhl, nahm einen großen Bissen von ihrem Steak und ruinierte Matts Eindruck von dem perfekten ersten Date ein wenig. Er seufzte, während er sich setzte und sprach: "Sorry, sorry. Joshua und ich hatten einiges zu bereden... Männergespräch, ihr wisst schon." Amylia lächelte skeptisch mit einer hochgezogenen Augenbraue, als wollte sie gar nichts näher wissen, aber Zoé ging Schlag auf Schlag. "Oh, hast du ihn wenigstens über seinen "Beruf" gefragt?" Sie sah Matt direkt an und ihre ehrliche Art machte ihm zu schaffen. "Nein, hab ich nicht, okay? Er hat mir ganz schön aus der Patsche geholfen in Lumino, also bitte lass ihn zukünftig in Ruhe und unterstell ihm nicht einfach etwas", erwiderte er leicht genervt, aber dennoch freundlich. Amylia sah die beiden fragend an, aber Zoé kümmerte sich nicht darum, dass sie Publikum hatten. "Achja? Matt, du machst dir zu wenige Gedanken! Der Kerl ist gefährlich... und eindeutig verdächtig. Was hatte er überhaupt in Lumino zu suchen? Hat er dich dort auch so *zufällig* getroffen?" Matt wollte dieses Gespräch wirklich in keine unschöne Szene verwandeln, aber ihr durchdringender Blick brachte ihn dazu, nachzudenken und das wollte er im Anbetracht seiner eigenen Zweifel momentan einfach nicht. Wenn er ihr noch von dem Vorfall mit den verschiedenen Namen erzählte, würde sie mit Garantie einen Elefanten daraus machen und er wollte sich in keinem Fall mit Joshua zerstreiten. "Weißt du was? Es war kompletter Zufall. Wir waren in demselben Abteil im Zug, das ich übrigens nach ihm betreten habe. Und ich weiß nicht, was er dort genau gemacht hat. Er hatte einen Job zu erledigen, das reicht mir. Für dich sollte eigentlich dasselbe gelten." Anstatt dass Zoé durch seine Worte gemäßigt oder beruhigt wurde, schien sie noch aufgebrachter zu sein. Sie schien sich ihrer Sache sicher und wie um das zu verdeutlichen, schlug sie mit der Handfläche auf die Tischfläche. "Matt. Du willst das sicher nicht hören, aber du kannst nicht jedem dahergelaufenen Fremden blind vertrauen! Ich erinnere mich genau, dass im Radio eine Nachricht über einen Mord in Lumino lief, als Rei und ich dorthin gefahren sind, um dich abzuholen. Willst du sagen, es war auch Zufall, dass Joshua zu der Zeit dort war? Wie naiv bist du eigentlich?" Jetzt reichte es Matt, der seinerseits einen wütenden Ton anschlug. "Pass auf, was du redest! Ich vertraue Joshua, genau wie ich Rei und Kane vertraue. Du scheinst zu vergessen, dass du mich auf eine Kamikaze-Aktion geschickt hast, um deine verdammten Juwelen zu beschaffen! Hab ich dir das jemals nachgetragen? Nein und Joshua ist derjenige, dem ich zu verdanken habe, dass ich noch lebe. Also sei ein wenig dankbarer und hör auf, Leute zu beurteilen, die du nicht kennst!" "Matt, du kennst ihn nicht viel besser als ich-"
Matts Aufmerksamkeit richtete sich auf sein piepsendes Handy und ein Blick darauf veriet ihm, dass der Teufel kam, wenn man von ihm sprach. Eine SMS von Joshua sagte ihm, dass er vor das Lokal kommen sollte. "Entschuldigt mich kurz", sagte er schlicht und ließ eine ratlose Amylia und eine tobende Zoé zurück.
"Fang", war das erste, das Joshua zu ihm sagte, als Matt durch die Tür kam. Er tat wie ihm geheißen und fand eine winzige Schatulle in seiner Hand wieder, in denen ohne Zweifel die Ohrringe waren. Er steckte sie in die Hosentasche und bedankte sich. Die ganze Situation war ihm ein wenig unangenehm, wenn er bedachte, worüber sie gerade gesprochen hatten. Er zauderte für einen Moment und sah Joshua schließlich an. "Sag mal, wer waren eigentlich diese Mädchen, die dich im Einkaufszentrum angesprochen haben?" Joshua legte den Kopf leicht schief und erwiderte den Blick neutral. "Ein paar alte Bekannte... warum fragst du?" Matt schluckte und kratzte sich mit dem Zeigefinger an der Wange, etwas peinlich berührt. "Ähm... ich habe mich nur gewundert... warum haben sie dich Jared genannt?" Matt wusste nicht, ob es seine bloße Einbildung war, aber die Miene des anderen schien sich beinahe unmerklich ein wenig zu verhärten. "Oh, du hast dir Gedanken darüber gemacht? Jared ist mein Künstlername... wir haben einmal in derselben Band gespielt", erklärte Joshua mit einem ebenen Gesichtsausdruck und für einen Moment fühlte Matt sich dumm, ihn überhaupt hinterfragt zu haben. "Achso... naja, ich sollte dann wieder reingehen. Ich hab noch nicht mal bestellt", meinte Matt. Der Grund dafür war sein spätes Eintreffen, aber er konnte kaum erwähnen, dass er einen Spaziergang gemacht hatte, um seine Gedanken zu ordnen. Joshua schien wie erwartet ein wenig darüber verwundert zu sein, wenn man die Uhrzeit in Betracht zog, aber er trat zurück. "Bis die Tage, Matt", sagte er noch. Matt hatte das Gefühl, dass sogar jetzt schon ein Abstand zwischen ihnen gewachsen war; trotz Joshuas extrovertiertem Sportleroutfit war der stichelnde Joshua im Anzug ihm lieber gewesen. Er betrat das Lokal, nur um mitten auf dem Weg Zoé entgegenzulaufen. "Wohin gehst du?", fragte er verblüfft, aber sie schenkte ihm nur einen sauren Blick. "Da du so lang gebraucht hast, hab ich schon mal gegessen. Ich werde uns jetzt die Tickets für das Schiff besorgen", verkündete sie barsch. "W-warte mal, wir wissen gar nicht, ob Amylia sicher mit wi-" "Doch, sie hat es mir gesagt. Sieht aus, als ob du einiges verpasst hast, Lover-boy. Wir sehen uns später", schnitt das Mädchen ihn ab und verließ ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen das Lokal. Das war defintiv nicht Matts Tag...
Erschöpft, ein wenig enttäuscht und ernüchtert setzte er sich schließlich zu Amylia und zwang sich zu einem freundlichen Lächeln. "Du kannst ruhig auch gehen, wenn du willst. Ist sicher nicht besonders nett, mir beim Essen zuzusehen... und ich freue mich, dass du dabei bist", sagte er ehrlich. Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ist schon gut, ich habe auf dich gewartet mit dem Bestellen...", sagte sie mit einem Stirnrunzeln, "... es sei denn, du hast es dir anders überlegt mit der Einladung." Diesmal war Matts breites Lächeln nicht gekünstelt und er gab dem Kellner ein Zeichen. "Oh, ich habe etwas für dich...", fiel ihm dann ein und er zog die Schatulle hervor. Amylia betrachtete es fragend, als er es ihr zuschob. "Na los, öffne es", spornte er sie an und hatte das Bedürfnis, noch breiter zu grinsen, als ihre Augen sich vor Begeisterung weiteten und sie sich die Hand vor den Mund hielt. "Wow! Sie sind wunderschön... aber Matt, das wäre wirklich nicht nötig gewesen!" "Sieh es als Willkommensgeschenk an", erwiderte er, erleichtert darüber, wie sehr ihr es ihr gefiel. Sie zog sofort ihre Ohrringe aus, um die neuen anzuprobieren, was Matt mit einem gewissen Stolz erfüllte. "Wie sieht's aus?", fragte sie neugierig und Matt antwortete ehrlich: "Perfekt." Sie grinste. "Vielen Dank, Matt!" Er überlegte sich, dass der Tag vielleicht doch nicht so schlecht war.
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Rei wollte noch nicht sterben. Er musste unbedingt seinen Bruder wiedersehen, egal, was er dazu tun musste...! Die Bilder der letzten Ereignisse füllten seinen Kopf; seine Begegnung mit Matt, der der Schlüssel für alles war... Zoé, die ihm endlos auf den Keks ging, aber wohl entgegen des ersten Eindrucks kein schlechter Mensch und er unter anderen Umständen womöglich befreundet hätte... wenn er sein Herz nicht so sehr verschlossen hätte. Und Kane... Kane, vulgärer, trotteliger, vorlauter, warmherziger Kane, der ihn gerade festhielt und nicht loslassen wollte, obwohl seine Entscheidung, diese Überzeugung, das Ende von ihnen beiden bedeuten würde. Er wusste tief in seinem Inneren, was richtig war. Richtig war, loszulassen, damit wenigstens einer von ihnen überlebte. Loszulassen von dieser warmen Hand und gleichzeitig jeglicher Geborgenheit, nach der er sich sehnte, seit sein Bruder ihn verlassen hatte. Loszulassen von seinem Bruder, der sein Leben dominiert hatte, Ersatz für Eltern und jegliche Freunde gewesen war, nur um ihn dann im Stich zu lassen. Und loszulassen von dessen Worten, an die er sich so lang geklammert hatte, die er so sehr glauben wollte, auch nach all diesen Jahren. Von dem Leben selbst. Und er ließ los. Aber er fiel nicht. Denn Kane hatte ihn nicht losgelassen.
"Du Idiot... du bist auch so schon schwer genug", schimpfte Kane keuchend und sein Arm, der Reis ganzes Gewicht trug, zitterte vor Anstrengung. "Das ist nicht das Ende!", brachte Kane hervor und suchte mit seiner freien Hand in der Hosentasche, fand das Feuerzeug, das Matt ihm gegeben hatte, und hielt es hoch. Er zündete die Flamme, konzentrierte sich und zuerst erschien es, als würde sich die Flamme verdoppeln. Dann vervielfachte sie sich erneut und es entstand ein kleiner Feuerschweif, der auf den Puma zuschoss. Dieser wich erschrocken zurück, musste sich erst einmal wieder fassen. Er sah sich verwirrt nach der Flamme um, die ihn umschwirrte und Kane ließ das Feuerzeug auf den Boden fallen, griff Rei nun auch mit dem zweiten Arm und zog ihn unter großer Anstrengung hoch. Schnaufend sahen sie sich kurz an, bevor sie ohne weitere Worte wegliefen; Rei hob dabei das Feuerzeug, das Kane vergaß, auf. "Du bist der Idiot! Du hättest loslassen sollen... das wäre fast schiefgegangen", regte Rei sich auf, sobald sie einige Distanz hinter sich gelegt hatten und vom Puma keine Spur mehr zu sehen war. "Hah, warum hast du mich nicht einfach geschockt, wenn du das gewollt hättest?", schoss Kane mit einem besserwisserischen Ausdruck auf dem Gesicht zurück. Daran... hatte Rei ehrlich gesagt gar nicht gedacht. Der Rotschopf sah ihn schließlich ernst an und sagte völlig überzeugt: "Ich weiß, dass du nicht sterben willst. Also konnte ich dich nicht einfach loslassen, oder? Will ja nicht für den Rest meines Lebens ein schlechtes Gewissen haben! Das ist noch lange nicht das Ende, Rei. Also reiß dich zusammen, Mann!" Er schlug Rei auf die Schulter und ging schließlich weiter, blieb allerdings noch einmal kurz stehen. "Achja, du schuldest mir jetzt eine Gefallen, damit das klar ist!" Rei seufzte. Kane hatte ausnahmsweise Recht; seine Reise ging weiter und das Leben ebenfalls. Beinahe zufrieden setzte er seinen Weg fort. Der Gedanke daran, dass er dasselbe für Kane vermutlich nicht getan hätte, verlieh dem ganzen einen bitteren Beigeschmack. Aber ein Blick um sich herum auf die atemberaubenden Züge des Mount Deror erinnerte ihn an eines: Auch er konnte nach Freiheit streben, sich ein Ziel setzen... und vielleicht machte er irgendwann genug Fortschritte, um sich ein wenig zu entwickeln... und sich zu ändern.
Current Mood: 
bored